Wir – Laila & Jürgen – sind 13unterwegs: 7 Monate im Mercedes Vito 4x4 quer durch Osteuropa, Balkan, Türkei, Georgien, Armenien & Griechenland.
DREIZEHN UNTERWEGS
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Auszeit 2025  ·  10. Oktober 2025

Geschichte und Geschichten in Anatolien

Und plötzlich, nach Wochen in den Hochebenen und eher kühlen Temperaturen, hat´s fünfunddreißig Grad! Und die passende Kulisse dazu: Wüste nämlich! Wer erinnert sich noch, wie wir im Juli vor dem Wüstenwetter geflohen sind? In Malatya war´s und es hatte nahezu fünfzig Grad! Also sind wir einfach froh und dankbar, dass es Anfang Oktober hoffentlich nicht mehr so weit kommt und bewegen uns so weit südlich, wie es möglich ist: die Grenzblicke sind einfach immer interessant! Zuerst geht´s noch ein Stück an der irakischen Grenze entlang, dann passieren wir Sirnak. Interessant: von hier aus hat man einen guten Blick auf die vier Gipfel des Cudi Dagi, die alle höher als zweitausend Meter sind. Auf einem der Gipfel befinden sich die Überreste eines Klosters aus dem vierten Jahrhundert, das zu Ehren der Arche Noah gebaut wurde, die nach dem muslimischen Glauben hier gelandet sein soll und nicht auf dem Ararat. Möglicherweise handelt es sich aber auch nur um einen Übersetzungsfehler. Wie dem auch sei, im Örtchen Sirnak veranstaltete die hiesige Universität im Jahre 2013 ein internationales Symposium zum Thema „Arche Noah“ und spätestens seit diesem Zeitpunkt ist das hölzerne Überlebensschiff allgegenwärtig: als Flaggen, Wandbemalung und dreidimensionales Kunstwerk mittig im Kreisverkehr. Den mutmaßlichen Landeplatz nehmen wir derweil nicht selbst in Augenschein: hier, auf der südlichen Seite befindet sich ein militärisches Sperrgebiet und die (wieder sehr freundlichen) Soldaten lassen natürlich keinen durch. 

Alle anderen Kontrollstationen weiter Richtung Westen sind inzwischen Routine und so gondeln wir alsbald durch rötliches Wüstengebiet an der syrischen Grenze entlang. In diesen Grenzregionen kam es noch in jüngster Vergangenheit, nämlich nach der Beendigung des Waffenstillstands zwischen der Türkei und der PKK 2015 zu Ausgangssperren und schweren Gefechten. Bei Cizre trennt der mächtige Tigris, aus der Türkei kommend, die beiden Länder, fließt dann noch bis zum Irak als Grenzfluss weiter, vereinigt sich dort mit dem Euphrat zum Schatt al-Arab und mündet dann in den Persischen Golf. Jürgen und ich nehmen die entgegengesetzte Richtung und – links Syrien, rechts die Türkei – durchqueren wir nun steinige und sehr karge Wüste, die sich bis zum Horizont erstreckt. Ganz offensichtlich haben die Bewohner dieses Landstriches sich die Arbeit gemacht, die endlosen Mengen herumliegender Steine in allen Größen zu Mauern aufzuschichten. Zum einen, um den Wind davon abzuhalten, die Felder zu zerstören, zum anderen natürlich, um die Erde wenigstens ein bisschen bebaubar zu machen. Hitze und Wassermangel hinzugenommen eine unfassbare Arbeit für einen bestimmt mageren Betrag.

Auf unserem Weg nach Norden Richtung Midyat stoßen zumindest wir wieder auf Wasser: ein glasklares Bächlein schlängelt sich an der Straße entlang. Und diesen glücklichen Umstand haben sich etliche schlaue Geschäftsmänner zunutze gemacht, um hier ein zauberhaftes Restaurant nach dem anderen am kühlen Wasser zu eröffnen und zwar alle mehr oder weniger mit dem gleichen Konzept. Dank Holz- und Metallkonstruktionen „schweben“ die Sitzgarnituren über dem Wasser und erlauben den Gästen, beim Essen und Cay-trinken, die Füße im kühlen Fluss zu erfrischen. Eine begrüßenswerte Idee bei der vorhandenen Sommertemperatur. Und so legen wir einen spontanen Stopp ein, werden nicht nur vom Besitzer des Restaurants auf Türkisch begrüßt, sondern von einem gemütlich in der Sitzgarnitur lümmelnden Gast auf Deutsch. Fünfunddreißig Jahre hätte er bei Freiburg gelebt, er liebt die Deutschen und – ehe wir es auch nur mitbekommen haben – hat er unseren (noch nicht einmal bestellten) Fisch mit Beilagen bezahlt und sich verabschiedet. Und wir – wie Deutsche halt so sind – müssen uns einmal mehr daran erinnern, dass solcherart Gastfreundschaft einfach angenommen werden darf. Also freuen wir uns und genießen zudem das erfrischende Ambiente. 

Weiter geht´s anschließend nach Midyat, einer von mehreren sehr orientalisch wirkenden Städten in der Tur Abdin Region. Bei der es sich wiederum um ein in rund tausend Metern Höhe gelegenes Karststeingebirge handelt. Und um ein weiteres Gebiet mit konfliktbeladener Geschichte. Denn einst befand sich hier das wichtigste Zentrum der syro-aramäischen Kultur, das historische Mesopotamien, und ab dem vierten Jahrhundert entstanden  etliche christliche Kirchen und Klöster. Im Laufe der Geschichte wurden die hier lebenden Christen wiederholt bedrängt, in ihrer Existenz bedroht, ermordet und zwangs-islamisiert, was viele von ihnen in andere Länder, unter anderem Deutschland vertrieb. In dieser Region haben sich bis heute trotzdem einige rein christliche Dörfer erhalten. Bald werden wir mehr darüber erfahren.

Zuerst jedoch lassen wir uns (bewährtes Muster) in einem kleinen Hotel in Midyat nieder. Warum bewährt? Keine Parkplatzsuche, alles fußläufig machbar und lokales Essen gibt´s noch obendrauf. In diesem Fall wurde das neue Gebäude im traditionellen Stil auf Teile einer fünftausend Jahre alten Höhlenstadt gebaut. Unser entzückendes Zimmerchen wirkt derweil ebenfalls wie eine Höhle. Stichwort Parkplatzsuche übrigens: nein, suchen müssen wir nicht, es gibt hoteleigene Abstellplätze. Diese zu erreichen allerdings ein ganz eigenes Abenteuer. Denn um die verwinkelten, steilen Gässchen zwischen den viereckigen, honigfarbenen Häusern zu befahren, müssen sogar die Seitenspiegel eingeklappt werden! Zu Fuß ist die Erkundung der Umgebung rund ums Hotel an diesem Abend deutlich entspannter. Wenn auch nicht friedlich und idyllisch, sondern ganz schön wuselig! 

Kaum haben wir das Zentrum mit den historischen Häusern verlassen, tobt das ungezügelte, südanatolische Leben! Überall kleine Lädchen, besetzt immer (!) mit mindestens zwei, eher deutlich mehr Herren drinnen oder davor und sei die Verkaufsfläche auch noch so winzig! Und es gibt wirklich ALLES! Tee, Gewürze, Nüsse und Trockenfrüchte in großen Säcken oder Fässern, Haushaltsgegenstände und Werkzeuge (neu oder gebraucht), Jagdgewehre (?!?), Fleisch als komplettes Tier nebst Hackklotz und Beil, Goldschmuck, Bäckereien mit traditionellen Öfen und Konditoreien mit herrlichen Torten und Zuckerwatte. Und natürlich die immensen und liebevoll dekorierten Obst- und Gemüsestände. Auf der Straße ist alles unterwegs, was Räder hat: überladene LKW, dreirädrige Transportmopeds, E-Roller und Muttis mit Kinderwagen.  Während ich noch staune, lässt sich Jürgen schon von einem Dönermann einfangen, der sich weit aus seinem Bedienfenster beugt. Zwar kann er kein Englisch, vermittelt jedoch sehr überzeugend, dass es nur HIER den besten Döner der Stadt gibt. Was Jürgen ihm sofort glaubt. Ansonsten verstehen wir leider nicht, was er uns noch auf Türkisch erzählen möchte. Auch nicht, als er es uns extra (ebenfalls in Landessprache) aufschreibt. Und während Jürgen noch auf sein Dinner wartet, besichtige ich die kleine Konditorei nebenan: der Inhaber schlägt die klebrige Zucker-Eiweissmasse (?)/ türkischen Hönig (?) so lange, bis sie geschmeidig ist und packt sie für die Kundschaft in Plastikboxen. Ich kenne das Teufelszeug schon: zuckersüß und zieht die Plomben aus den Zähnen. Darum entscheide ich mich lieber für die – ebenfalls zuckersüßen – Halka Tatlisi: in Fett gebackene und mit Zuckersirup getränkte Teigkringel. Ungefähr das Maximum, was man an ungesunden Kalorien in ein einziges Gebäckstück integrieren kann. Aber ganz schön lecker. Mit dem Bezahlen unseres Essens haben wir heute kein Glück: der vor mir einkaufende Herr möchte mir meinen Nachtisch spendieren. Ich spendiere mir selbst dafür in einem kleinen, vollgestopften Lädchen ein Kilo Teeblätter, denn wo alle Einheimischen so eifrig einkaufen, kann es nicht schlecht sein. Und da der Verkäufer ebenfalls kein Englisch spricht, wird (völlig normale Taktik), über einen weiteren Kunden, ein sprachkundiges Familienmitglied per Telefon zugeschaltet. Über die deutlich ruhigeren, engen Altstadtgässchen, vorbei an grün beleuchteten Minaretten und einem von Katzen bewohnten Friedhof geht´s zurück in unser Höhlenzimmer.

Der nächste Tag entwickelt sich ungeplant und unversehens zu einem großen Kaffeeklatsch entlang der christlich-aramäischen Dörfer. Was wir vorher schon wussten: in diesem Gebiet um den Tur Abdin entstand schon vor dem vierten Jahrhundert eine der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt. In dieser Zeit entstand eine reiche Klöster- und Kirchenlandschaft, die Staunen macht. Vermutet man doch  in diesem Teil der Welt eher kein christliches Leben. Tatsächlich aber lebten die Anhänger dieser Kirche über Jahrhunderte hinweg in eigenen Dörfern. Aus eingangs erwähnten Gründen, sind heute nicht mehr allzu viele von ihnen dauerhaft hier, einige jedoch behielten ihre Grundstücke und bauten neue Häuser darauf um zumindest zeitweise hier sein zu können. Zwei dieser christlich-aramäischen Dörfer liegen heute auf unserem Weg. Das erste, Haberli, ist darum bemerkenswert, weil auf dessen Gemarkung 25 (!) Kirchen zu finden sind, die größte und bekannteste ist Mor Dodo, das gut sichtbar oben auf dem Hügel liegt. Genau wegen dieser geschützten und gut überschaubaren Lage flüchteten unter anderem auch die Einwohner des Nachbarorts Midin während des Völkermords 1915 in ihre festungsartigen Mauern, wo sie die Belagerung überstanden.   Bevor wir zum Dorfrundgang starten können, treffen wir jedoch auf Lucia und Johannes, seit siebenunddreißig Jahren in Berlin lebend, aber ursprünglich aus diesem Dorf kommend. Im Moment sind sie für zwei Monate hier, um sich um die pflegebedürftige Mutter von Johannes zu kümmern und natürlich werden wir gleich zum Kaffee eingeladen. Wunderschön saniert das alte Haus mit Granatapfelbäumen und Blick auf Haberli sitzen wir auf der schattigen Terrasse und unterhalten uns mit den beiden über die Vergangenheit in dieser Region. Auch sie haben über Kämpfe und Verluste von Familienmitgliedern und ihre eigenen Flucht zu berichten. Was Hoffnung macht: beide bewerten das heutige Miteinander von Aramäern, Assyrern, Kurden und Türken – trotz der schlimmen Vergangenheit - als entspannter und auf einem guten Weg. Man käme miteinander aus und das Entgegenkommen der Regierung wird positiv bewertet. Zum Abschied gibt´s Granatäpfel frisch vom Baum und wir gondeln weiter ins nächste Dorf: das oben erwähnte Midin, türkischer Name Ögündük.

Hier wartet eine besondere Verabredung auf uns: die Eltern von Kollegin Lydia befinden sich derzeit in ihrem Haus in besagtem Ort. Auch sie verließen Ende der siebziger Jahre aus benannten Gründen ihre Heimat, um in Deutschland Frieden zu finden. In ihrem Dorf leben bis heute über fünfzig aramäische Familien, manche dauerhaft, manche kommen immer wieder. Viele neue, aber auch hier im traditionellen Stil gebaute Häuser sind zu sehen und besonders bemerkenswert: eine der ältesten Kirchen der Region wurde auf besondere Art und Weise erhalten. Das recht kleine ursprüngliche Gebäude reichte für die hiesige Gemeinde nicht mehr aus und war ohnehin sanierungsbedürftig. Also baute man die große, neue Kirche samt Gemeindehaus und Gästewohnungen einfach um die historische Kirche herum. Aus der Dachterrasse ragt der kleine Kirchturm heraus, betritt man die Innenräume, ist auch das alte Kirchenschiff noch zu erkennen. Lydias Vater Mika zeigt uns alles in berechtigtem Stolz, war er doch ebenfalls an der Durchführung des Projekts beteiligt. Noch mehr Hoffnung: auch hier wird uns von positiver Annäherung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen berichtet. Trotzdem die schreckliche Vergangenheit natürlich immer noch präsent ist. Und wie könnte es anders sein: die geschilderten, persönlichen Erlebnisse, die wir zu hören bekommen, sind für uns, die wir in Frieden und Sicherheit aufgewachsen sind, unvorstellbar. 

Am Stausee Hakankeyf und seiner in den Fluten versunkenen, historischen Stadt, seinen von Höhlenwohnungen durchsetzten rötlichen Schluchten und im Wasser endenden Straßen gondeln wir, um nicht aus der Übung zu kommen, gleich zu einer dritten Verabredung.

Wer erinnert sich noch an den „Dentist Club“ vom Zeze-Campingplatz am Munzur River? Geschlagene drei Monate ist das Ganze her, doch besonders zu Remzi, dem ambitionierten, deutsch lernenden und nach Deutschland strebenden Zahnarzt haben wir regen Kontakt. Immerhin hat er in der Zwischenzeit Freiburg, Heidelberg und Düsseldorf besucht und somit seine Kenntnisse über das deutsche Leben vertieft. In seiner Heimatstadt Batman treffen wir ihn samt Frau, Zahnarzt-Kumpel und Familie zum Essen und gleich verkündet er stolz, inzwischen fleißig Vokabeln und Grammatik trainiert zu haben. Und wer sich erinnert: nur via App benutzte Remzi schon nach einem Jahr Wörter wie „Wanderbegeisterte“. Auch jetzt erstaunt er mit Begriffen wie „beherbergen“ und Kenntnissen und Fragen zu den Themenbereichen Mehrgenerationenhäuser, Niedrigenergiehaus, Regenbogenfamilien und Wohngemeinschaften. Und natürlich werden wir auch diesmal, bevor wir noch reagieren können, zum Essen eingeladen. Unser Geld werden wir hier nicht los. Und überhaupt: getrennt zu bezahlen ist hier ohnehin nicht üblich. Für den Gastgeber ist es eine Ehre, alle einzuladen, hörten wir in der Vergangenheit, und man könne sich bei anderer Gelegenheit revanchieren. Die „Unsitte“ des „getrennt Bezahlens“ wird hier sogar augenzwinkernd als „deutsch bezahlen“ bezeichnet. Und genau das lässt Remzi nicht zu. Also fassen wir ins Auge, ihn spätestens irgendwann in Deutschland rück-einzuladen.

Was nun folgt, sind zwei Tage in den beiden Hauptattraktionen der Umgebung: Midyat und Mardin. Und sie sind es zu Recht! Hier fühlt sich alles an, wie in einer orientalischen Kulisse, obwohl im Laufe der Jahrhunderte mitnichten nur osmanische Einflüsse vorhanden waren. Im Gegenteil: im vierten Jahrhundert als östlicher Außenposten des Römischen Reiches befestigt, marschierten, bewohnten und/ oder herrschten hier in stetigem Wechsel Aramäer, Hethiten, Babylonier, Amoriten, Perser, Parther, Römer, Araber, Kurden, Seldschuken und Osmanen. Was natürlich für jede Menge Konflikte, aber auch für eine bunte Kultur sorgte, die überall zu bemerken ist. Wunderschön sind beide Orte mit ihren eckigen, honigfarbenen und mit allerlei Ornamenten verzierten Bauwerken, Toren und Palästen und den schmalen, gewundenen Gässchen, die liebevoll mit bunten Girlanden, Blumen und Laternen dekoriert sind. Midyat an einen sanften Hügel direkt übergehend von der sehr belebten Einkaufsmeile, Mardin eher abseits und spektakulär einsam an einer Bergflanke klebend, behütet von einer Festung auf dem Gipfel darüber. Wir starten mit Midyat, schließlich wohnen wir ja in relativer Laufweite. Knappe vier Kilometer ins historische Zentrum sind zu bewältigen, ziehen sich dann aber doch ein wenig in Folge der Tatsache, dass aus einem inmitten der Einkaufsmeile liegenden Beauty-Salon plötzlich wie der Teufel aus der Kiste ein uns bekannt vorkommender Herr springt und uns freudig begrüßt. Eine Bekanntschaft vom Vortag aus „Midin Pizza“, bei welcher wir in der Hoffnung vorbeigeschaut hatten, Kollegin Lydias Cousine begrüßen zu können, die dieses Restaurant betreibt. Zwar hatten wir sie nicht angetroffen, dafür aber oben erwähnten Herrn, der zwar aus dieser Gegend stammt, in Deutschland aber eine Amazon-Paket-Filiale betreibt. Und so gibt´s natürlich erstmal türkischen Kaffee im Beauty Salon seiner Nichte. Denn solange wir in Anatolien unterwegs sind, nehmen wir natürlich jeden Kaffee und jeden Cay mit, den wir angeboten bekommen. Diese kleinen Begegnungen und Beweise überbordender Gastfreundschaft am Wegesrand sind immer unglaublich nett! Auch Midyat ist sehr nett. Hauptgeschäftsfelder: Gold und bunte, gerne auch mit Schmuckmünzen verzierte Tücher. Von unserem neuen Amazon-Freund hatten wir erfahren, dass die dekorative Stadt Schauplatz verschiedener türkischer Serien ist, immer mit Liebesdrama und selten mit gutem Ende für die Protagonisten. Schnell frage ich bei Schwiegertochter Yasemin noch einmal nach: die neueste Serie endet wohl dramatisch und schwemmt Besuchermassen, meistens weibliche, ins historische Zentrum, um sich für kurze Zeitin die Hauptdarstellerin zu verwandeln. Midyat selbst trägt viel zum authentischen Ambiente bei: überall können oben erwähnte Tücher erstanden werden, die von den Verkäufern stilecht um die Köpfe drapiert werde. Auch Henna-Bemalungen, filmreif geschmückte Pferde und bunte Aras dienen der perfekten Inszenierung für diverse Instagram-Bilder. Das Publikum nimmt die Angebote gerne an. Und wir haben viel zu schauen und zu staunen! Am schönsten der Blick von der Dachterrasse eines Restaurants: Moscheen und Kirchen überragen das Stadtbild bis zum Horizont, auf den Dächern die allgegenwärtigen Hochbetten für heiße Nächte, nebst zum Trocknen aufgehängter Paprika und der wunderschöne Sonnenuntergang ist ebenfalls filmreif. Auch ohne orientalische Verkleidung. Ein bisschen Verschönerung darf aber doch sein: zurück in unserem netten, alten Ortsteil steigt Jürgen (ein letztes Mal) bei einem türkischen Barber für eine Komplettbehandlung ab. Was nicht nur Haare schneiden bedeutet, wie wir wissen, sondern auch Nassrasur, Gesichtsmaske und das Abbrennen feiner Härchen in Ohr- und Nasenbereich. Beziehungsweise (doch das weiß Jürgen noch nicht, sonst wäre er vielleicht nicht eingekehrt), in diesem Fall das Wachsen besagter Haare. Was nicht sehr angenehm ist, wie er feststellt. Dafür nachhaltig. Und unterhaltsam sowieso. Denn in nullkommanichts ist der winzige Laden voll mit weiterer männlicher Kundschaft nebst mitgebrachten Kindern und politischen Diskussionen. Erst, als der Barber ein Musikvideo der James Brown/Pavarotti-Version von „It´s a man´s world“ einspielt, herrscht feierliche Stille.

Und das Ergebnis ist natürlich mal wieder so gut, dass ein vor seinem Laden stehender Verkäufer am nächsten Tag in Mardin es sofort bemerkt: neue Rasur? Und ob Jürgen mit den türkischen Preisen zufrieden wäre. Mardin übrigens steht in Nichts hinter Midyat zurück: wer hier ist, sollte einfach beide anschauen! Die Lage am Berg sorgt für etwas mehr Dramatik, die Geschäfte ein wenig abwechslungsreicher: hier gibt es mehr Handwerk zu besichtigen und kulinarisch ist auch ein wenig mehr geboten. Auch dieses Dörfchen bietet filmreife Kulissen und richtig spannend: im unteren Teil, zwischen engen Gässchen und wetterfest überdacht, befindet sich noch ein „echter“ Bazar, in dem die Einheimischen einkaufen. Und auch hier wieder: es gibt einfach ALLES! Sehr beliebt: winzige vollgestopfte Lädchen mit allerlei defekten und zu reparierenden Elektro-Kleingeräten vom Staubsauger bis zum Bügeleisen, alles kreuz und quer – wie dazumal bei Meister Eder. Im gleichen Stil Schneidereien, Haushaltswarenläden und Gemischtwaren (ein antiquiertes Wort, aber hier passt es bestens!). Und natürlich Lebensmittel: die obligatorischen süßen und salzigen Knabbereien und frisches Gebäck aus traditionellen Öfen, aufgehängte Schafshälften, saisonale Hamsi (Sardinen – im Oktober besonders schmackhaft) und – in großen Plastikboxen quadratmetergroße Kutteln wie weiße Spültücher. Mit Manchem decken wir uns ein und dürfen natürlich überall probieren. Was dazu führt, dass wir anschließend nicht mehr besonders hungrig sind und nur noch einen kleinen Snack auf einer Dachterrasse zu uns nehmen, bevor es weiter westwärts geht.

Und plötzlich, nachdem die baumwollbewachsenen Ebenen wieder in uns seltsam bekannt vorkommende Hügellandschaften übergehen, am Rande des Atatürk-Stausees, überkommt uns nahezu gleichzeitig das Gefühl: wir sind auf dem Heimweg! Denn hier, nur wenige Kilometer weiter nördlich befindet sich der Pertek-Stausee, ebenfalls vom Euphrat gebildet, den wir vor sich nahezu endlos anfühlenden drei Monaten via Fähre in die entgegengesetzte Richtung überquerten. Und ohne darauf vorbereitet zu sein, breitet sich wehmütige Abschiedsstimmung aus: wir befinden uns im letzten Monat unserer Reise, ab jetzt geht es nur noch westwärts, sich einst unendlich vor uns erstreckende sieben Monate, kaum greifbar sich ausdehnende Zeit – auch diese kann plötzlich wie mit einem Fingerschnipp zu Ende sein! Und doch: schauen wir zurück ist sie gefüllt mit unendlich vielen Erfahrungen und Erlebnissen, Menschen, neuen Kulturen, Orten und Geschichten, manches schon wieder unfassbar weit weg – gut, dass alles aufgeschrieben wurde, um nichts davon jemals wieder zu verlieren! Aber – noch sind wir ja nicht zu Hause! Ein paar neue Geschichten warten noch auf uns!

Auch heute Abend: Stopp im (angeblich?) einzigen „echten“ Campingplatz (heißt: Waschräume, Infrastruktur und Waschmaschine- dringend mal wieder nötig!) Anatoliens. Ob´s so stimmt wissen wir nicht, lesen wir nur in den Rezensionen. Fakt ist: wo Campingplatz draufsteht ist nicht immer einer drin. Meistens ist´s halt ein Picknickplatz. Und schlafen darf man hier ohnehin fast überall. Heute aber fühlen wir uns bestens aufgehoben in der Nähe des „anderen“ Nemrut Dagi bei Cay, Waschmaschine, Dinner und netten neuen Bekanntschaften: wieder mal Deutsche im Reise-Truck, die im gleichen Zeitraum wie wir sogar bis an Chinas Grenzen vorgedrungen sind. Ambitioniert! Und wir lassen uns ja immer gerne inspirieren – wer weiß, wie nah die nächste Auszeit wohl ist?

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Kommentare: 1
  • #1

    Holger (Dienstag, 14 Oktober 2025 20:57)

    Liebe Laila, lieber Jürgen,

    ich muss mich outen: seit wir uns in Georgien kenngelernt haben, lese ich sehr fleißig und natürlich auch mit großer Freude euren Blog.

    Genießt eure Auszeit und kommt gut nach Deutschland zurück!

    Liebe Grüße aus München - natürlich auch von Andrea - Holger

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