Kleines Brainstorming – Stichwort Türkei: welche Bilder und Vorstellungen dazu blitzen als erstes in den Köpfen auf, mit welchen Attraktionen wird am liebsten Werbung gemacht? Klar, die touristischen Strände am Mittelmeer bestimmt, ganz vorne dran Antalya und Izmir. Kappadokiens Ballons und (Trommelwirbel) natürlich die überlebensgroßen Steinköpfe am Nemrut Dagi! Auf keinen Fall werden wir weiterziehen, ohne sie uns ebenfalls angeschaut zu haben! Bevor wir jedoch zur Tat schreiten, wartet am Wegesrand eine halb zerfallene, trotzdem noch sehr beeindruckende mamlukische Festung aus dem 13. (!) Jahrhundert. Hoch über der dramatischen Schlucht thront nahezu uneinnehmbar Yeni Kahta und erstreckt ihre Mauern über etliche hundert Meter auf einem schmalen Bergkamm. Wir erklettern die Burg, entdecken handgemeißelte, steinerne Kanonenkugeln in den verschiedenen Räumen und grandiose Ausblicke in die Kahta-Schlucht hinunter. Nebst Glasboden-Terrasse – ein Muss an jeder türkischen Attraktion!
Wieder unten machen wir in einem kleinen Café Halt und kommen unversehens in den Genuss einer besonderen, lokalen Spezialität: kurdischer Pistazien-Kaffee. Und – wer hätte es gedacht – hier handelt es sich wieder nicht um die bekannten Knabbernüsse, sondern (tadaa!) um die Früchte der wilden Pistazie. Wer erinnert sich noch an unser Offroad-Abenteuer in der georgischen Vashlovani-Steppe? Ganz stolz war man dort auf die Jahrhunderte alten Pistazienbäume. Doch nicht einmal Hermine, unsere künstliche Intelligenz, wartete mit besonderen Ideen für die Verwendung der kleinen, traubenartigen und ziemlich harten roten-grünen Früchte auf. An diesem Ort am Fuße der Kahta-Festung werden wir endlich schlauer! Stolz präsentiert der Besitzer des Lokals einen Plastikbehälter mit zäher, dunkelbrauner Masse mit kleinen Kernchen drin. Hergestellt aus Honig, zermahlenen wilden Pistazien und einer weiteren Zutat, die weder Jürgen noch mir gerade wieder einfällt. Ein Löffelchen dieser Masse aufgelöst in kochender Milch mit Wasser (oder auch nur Milch) ergibt den bewussten kurdischen Kaffee. Eine relativ dickflüssige und (wie der Wirt versichert) sehr gesunde Sache! Schmeckt weder nach Kaffee, noch nach Pistazie, aber insgesamt gar nicht mal so schlecht. Immerhin so interessant, dass wir eine Dose dieser Grund-Substanz zu ziemlich europäischem Preis kaufen. Nicht nur, um mal wieder davon trinken zu können, sondern einfach auch, um zu hören, was Familie und Freunde zu Hause wohl davon halten werden. Freut Euch schon mal drauf, wir haben genug davon!
Gut gestärkt kurven wir anschließend durch zerklüftete Berglandschaften zum Gipfel des Nemrut Dagi, zum Thron der Götter und dem ehemaligen Sitz des größenwahnsinnigen König Antiochos I. Denn vor etwa zweitausend Jahren (rund um Christi Geburt) erschuf sich dieser sehr selbstbewusste Herr ein Denkmal, das in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Dauer seines Königreichs steht. Nur knappe zweihundert Jahre währte das Reich der Kommagene und brachte dennoch eine der bekanntesten Stätten der Türkei hervor: das monumentale Grabheiligtum, errichtet in der zerklüfteten Einsamkeit des Anti-Taurus auf dessen höchstem Gipfel, dem Nemrut Dagi. Und als sei die natürliche Höhe nicht genug, ließ Antiochos auf der Bergspitze noch einen zusätzlichen Hügel aus 200 000 Kubikmetern Schutt aufschütten, an dessen Fuße er drei Kultterrassen errichtete und kolossale Götterstatuen aufreihte – nicht ohne sich selbst zwischen ihnen einen Platz einzuräumen. Und tatsächlich: etwas Mystisches und Großartiges umweht diesen ausgesetzten Ort – obwohl die Statuen längst nicht mehr unversehrt sind. Auf der Ostterrasse, dem Sonnenaufgang zugewandt, sitzen vor der gigantischen künstlich aufgeschütteten Bergspitze, die Rümpfe von König Antiochos nebst den Göttern Commagene (die einzige weibliche Figur mit Granatapfel- und Weintrauben-Krone), Zeus, Apollo und Herakles, flankiert von einem Löwen und zwei Adlern. Die dazu gehörenden Köpfe fielen schon vor langer Zeit auf Grund von Erdbeben und natürlichen Einflüssen wie Erosion ab und wurden erst im Laufe des letzten Jahrhunderts geborgen und in Reih und Glied vor den dazugehörigen Körpern platziert, was den Statuen ihr charakteristisches, mystisch-zerstörtes Aussehen verleiht. Und sie sind riesig und faszinierend und anscheinend kennt Größenwahn keine Grenzen! So manchen heutigen Herrscher könnte man getrost in die Szenerie mit einreihen! Auf der anderen Seite des Berges, auf der Westterrasse bestand ursprünglich der gleiche Aufbau wie im Osten, durch Witterung wurden die Statuen jedoch deutlich mehr zerstört. Antiochos`Haupt jedoch ist bestens erhalten geblieben und strahlt im Sonnenuntergang feuerrot und prächtig. Und natürlich sind wir, trotz der eisigen Temperaturen in 2200 Metern Höhe, nicht alleine. Doch als prächtig rot und golden die Sonne hinter den Bergen untergeht und die Wolkenbahnen leuchten lässt, greift nahezu feierliche Stimmung um sich, alle staunen dem Horizont entgegen, bewacht von Antiochos höchstselbst! Von Reiseveranstaltern gefeiert oder nicht, eine der Hauptattraktionen schlechthin, angefahren täglich von Dutzenden von Reisebussen: all dies tut der Magie dieses Ortes keinen Abbruch: hier wohnen die Götter der Vergangenheit – gemeinsam mit einem größenwahnsinnigen König!
Unser kleiner Campingplatz ist ebenfalls magisch mit dem eiskalten Pool („drinking water from mountain“ – jep, so fühlt es sich an!), dem leckeren Essen und dem Garten voller Granatapfelbäume, die reife Früchte tragen wie im Schlaraffenland. Eine Gruppe Wohnmobilisten, die sich vom Veranstalter durch die Türkei tracken lässt, ist ebenfalls hier abgestiegen. Besonders interessant: einer der Teilnehmer kam mit Unimog und Wohnwagen, nebst mehrerer Fässer eingeschmuggeltem Bier!
Eigentlich wären wir gerne noch länger geblieben, der Osten der Türkei hält uns mit seinem Zauber noch gefangen, aaaaber: die Arbeit wartet im November auf uns. Und so zahlen wir den Preis für sechseinhalb Monate trödeln durch Osteuropa und Westasien und müssen Gas geben. Aber diesen Preis zahlen wir mehr als gerne, genau so und nicht anders sollte sich unsere Reise anfühlen, all die spontanen Orte und Momente wollen wir nicht missen und werden für immer unser sein! Ein paar Tage sind ja zum Glück auch noch übrig und so gondeln wir, den Göttergipfel hinter uns lassend an endlosen Mandel- und Tabakfeldern vorbei, an Pistazienhainen bis zum Horizont – und diesmal handelt es sich um die „echten“. Klar, die türkischen Bewohner knabbern sie ja auch wie die Weltmeister, irgendwo muss der Nachschub ja herkommen. Trotzdem großes Staunen: Stunde um Stunde und die Baumwiesen nehmen kein Ende! Der Stausee bei Halfeti, gebildet vom Euphrat samt seiner versunkenen Moschee zieht an uns vorbei, ebenfalls der Sultansuju Barayi, an dem wir „damals“ bei fast vierzig Grad übernachtet haben. So viele Erinnerungen! Und dann erreichen wir das Mittelmeer! Und natürlich sind wir immer noch in der Türkei, immer noch auf deren asiatischer Seite – und doch fühlen wir plötzlich den Westen! Zivilisation und Vertrautes: das Mittelmeer mit seinen Pinien, Sandstränden und Touristen.
Beim kleinen Örtchen Yumurtalik. Und hier, auf dessen breitem Sandstrand haben wir uns mit Steffen vom 3G-Camping in Armenien verabredet. Wer erinnert sich? Auch er durfte auf dem Abschleppwagen fahren – allerdings nach Yerewan. Und auch er musste deutlich länger auf die erfolgreiche Beendigung der Reparatur warten als erwartet. Aber auch hier: alles gut gegangen! Und so sitzen wir zu dritt beim Rauschen des Mittelmeers unterm Sternenhimmel.
Das morgendliche Bad fühlt sich nach all den eiskalten Flüssen und Bergseen (und Pools!) mehr als angenehm an. Mit uns am Strand ein türkischer Fischer im Ruderboot, der seine Netze auslegt. Und uns einige Zeit später mit einer Tüte voller frisch gefangener Fische am Frühstückstisch überrascht. Ob er Geld möchte, wollen wir wissen. Und kennen die Antwort schon: er legt die Hand auf´s Herz, grüßt freundlich und geht seines Weges. Ein Symbolbild für den Osten der Türkei, gastfreundlich und freigiebig! Abschied von Steffen und weiter geht´s.
Nach den endlosen Baumhainen von gestern durchqueren wir auch heute Anbaugebiet. Allerdings unter Folie und Glas: Gewächshäuser, wohin das Auge reicht. Was gibt´s hier? Nicht sehr überraschend: Tomaten, Paprika, Auberginen, Zucchini, Erdbeeren. Dann aber doch etwas zum Staunen: aus rieseigen Folienhäusern ragen die dunkelgrünen Blätter großer Stauden. Tatsächlich: hier werden im großen Stil Bananen angebaut! Und ja: unsere auf dem Bazar in Mardin gekauften Bananen kamen uns gleich schon „anders“ vor: kleiner, schmackhafter, intensiver. Die türkischen Spezialbananen wohl! Und noch ein Campingplatz bei Anamur am Meer mit traumhaftem Sonnenuntergang, verfallener Burg und köstlichem Dinner: unsere geschenkten Fische vom Morgen!
Und wieder geht´s weiter Richtung Westen – inzwischen nehmen wir unseren Zeitplan ernst! Entlang der Mittelmeerküste durch fruchtbares Gebiet: an den Straßenrändern werden die hier gezüchteten Bananen, Drachenfrüchte und Avocados angeboten und natürlich greifen wir zu. Keine Polizeikontrollen mehr übrigens, die sensiblen Regionen und Grenzbereiche liegen hinter uns. Verkehrspolizisten fahren trotzdem die Straßen entlang. Was ihr Aufgabenbereich ist? Wir wissen es nicht. Drängler und Zu-Schnell-Fahrer gehören anscheinend nicht dazu. Hier quetscht man sich auch noch waghalsig ohne zu blinken direkt vor´s Polizeiauto, kein Problem! Wir durchqueren die sehr touristischen Städte Alanya und Antalya und staunen nicht schlecht: über Kilometer hinweg Hotellandschaften an den Küsten entlang und sich bis zum Horizont erstreckend – Meerblick gibt´s nur für die erste Reihe und auch für die fast immer nur über die Schnellstraße hinweg. Horden von Touristen mit Badeschlappen und Sonnenhüten marschieren an den Straßen entlang zum nächsten Übergang Richtung Strand, denn „einfach so“ überquert hier niemand (siehe oben, die beschriebene Verkehrssituation). Vielleicht, um diesen Nachteil auszugleichen ist das Ambiente mehr als protzig: goldene Kuppeln auf den Dächern und überlebensgroße Soldaten- oder Götterfiguren an den Eingängen der Hotels. Springbrunnen und Rutschenparks der Superlative, Shopping-Malls, Outlet-Center und Palmen überall. Hotels, die wie Burgen konzipiert sind, wie Schlösser, Pyramiden oder wie Luxusschiffe. Funkelnde, türkisblaue Pools, quietschbunte Jahrmärkte, Sandstrände voller in Reih und Glied aufgestellten Liegen und Sonnenschirme. Und all das kreuz und quer und weiter, als das Auge blicken kann. Steigen wir hier ab? Natürlich nicht! Der Anblick von außen ist aufregend genug. Und als wir Stunden später Alanya und Antalya hinter uns gelassen haben, fühlt sich das gondeln über die Küstenstraße an der rötlichen Steilküste entlang mit Blick auf das blitzblaue Meer wie Erholung an. Und zum Glück genauso hübsch präsentiert sich die lykische Halbinsel mit ihren schroffen Felsen, baumbewachsenen Hügeln und türkisfarbenen Buchten. Auf einer Landspitze mitten zwischen Pinienbäumen steigen wir auf einem kleinen Campingplatz ab. Die Saison ist hier offensichtlich zu Ende, denn der Besitzer muss erst herbeitelefoniert werden. Weitere Gäste gibt´s nicht und das Wasser wird extra für uns wieder angestellt. „Hot!“ wird uns stolz erzählt und nach all den Monaten ist dies längst nicht mehr selbstverständlich und fühlt sich nach reichlich Luxus an – auch ohne goldverziertes Hotel. Die Klangkulisse an diesem Abend? Der Muezzin und ein gesprächiger Waldkauz. Braucht man mehr zum Glück?


































































































Kommentar schreiben
Rose (Mittwoch, 15 Oktober 2025 08:49)
Zum Weinen ,schön, was ihr erleben dürft!
Und wir als Leser mit!
Grüssle