Wir – Laila & Jürgen – sind 13unterwegs: 7 Monate im Mercedes Vito 4x4 quer durch Osteuropa, Balkan, Türkei, Georgien, Armenien & Griechenland.
DREIZEHN UNTERWEGS
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Auszeit 2025  ·  19. Oktober 2025

„Where are you guys now?“

Wer erinnert sich noch an Jess und Declan aus Australien, die vor langer, langer Zeit (damals im August in Georgien) einen großen Teil des Ushguli-Trekks mit uns bestritten haben? Und die sich, um genau zu sein, gerade auf ihrer einjährigen Hochzeitsreise durch Europa und Asien befinden und (Stand heute) weiße (!) Weihnachten am liebsten in Europa verbringen würden. Denn bekanntermaßen kommt Santa Claus in Australien zuweilen sogar mit dem Surfbrett. Bis es soweit ist, verfolgen wir gegenseitig unser Tun und in unregelmäßigen Abständen schreibt Jess die immer gleiche Frage: „Where are you guys now?“ Ja, wo sind wir eigentlich gerade? Ein bisschen auf dem Sprung und jeden Tag woanders, denn: die Tage sind gezählt – zumindest in der Türkei. Oder besser - wir zählen und zwar so: wie viele Tage können wir uns hier noch leisten, wie lange braucht´s, um zur türkisch-griechischen Grenze zu kommen und wie viele Tage benötigen wir dann noch? Was wir sechseinhalb Monate lang nicht gemacht haben, wird nun notwendig. Ein bisschen planen steht an und so picken wir noch ein paar letzte türkische Highlights für uns raus, bevor wir der Türkei für´s Erste den Rücken kehren müssen (und das wird hart!). Station eins: die lykische Halbinsel. Den meisten wird der „Lykische Weg“ ein Begriff sein, ein Fernwanderweg, nein, DER erste Fernwanderweg der Türkei: seit 1999 gibt es hier offizielle Markierungen, die seinen Verlauf auf der Halbinsel bezeichnen. Gewandert wurde schon vorher und eigentlich gehen die Ursprünge des Weges bis ins Altertum zurück, denn er wurde streckenweise als Handelsweg für Kamelkarawanen genutzt. Heute verläuft er über 509 Kilometer vom westlichen Fethiye nach Antalya, meist an der Küste entlang mit sagenhaften Ausblicken übers Meer und seine herrlichen Buchten, teilweise durch´s Landesinnere mit der mediterranen Macchia (ja, ich weiß, die ist eigentlich in Korsika, aber diese herrliche Landschaft erinnert mich sehr daran) und lichten Wäldern. Wir konsultieren den Kalender und … leider sind alle 509 Kilometer nicht mehr drin und so entscheiden wir uns erst einmal für den direkt an unserem Camp startenden Abschnitt von Karaöz nach Adrasan.

Und die Entscheidung war goldrichtig!  Blitzblaue Bilderbuchbuchten, grandiose Aussichten über tiefblaues Wasser bis zum Horizont, überall dreieckig aus den Fluten ragende Felseninseln. Der größte Teil des Weges findet unter schattigen Bäumen statt: Olivenbäume, wilde Pistazien, Pinien, Kiefern, Steineichen – alle zusammen sorgen für den unvergleichlich urlaubsmäßigen und mediterran harzigen Geruch. Am Boden zehntausende lykische lila Alpenveilchen - wirkt im lichten Wald fast frühlingshaft. 

Nach dem ersten Aufstieg direkt über der Küste stoßen wir auf den kleinen, weißen Leuchtturm Gelidonya, der das Symbol des lykischen Weges wurde. Hingestellt wurde er 1936 natürlich aus einem anderen Grund: die starken Strömungen am Gelidonya-Kap sorgten für zahlreiche Havarien mit den aus dem Wasser ragenden Felsinseln, verwandelten den Meeresgrund vor der Küste in einen wahren Schiffsfriedhof und machten diesen Ort zu einem der gefährlichsten des Golfs von Antalya. Das älteste dort gefundene Wrack stammt übrigens aus dem 15. Jahrhundert und kann heute im Museum in Bodrum besichtigt werden. Gut, dass das eher unscheinbare Leuchttürmchen für Abhilfe sorgte.

Fast genauso unscheinbar eine winzige Schildkröte, auf die Jürgen beinahe getreten wäre, nur etwas größer als ein Golfball versucht sie auf dem steilen, steinigen Weg vorwärts zu kommen. Wir stellen uns einander kurz vor, dann setze ich sie ins sichere Gestrüpp. Ganz ohne ist diese Etappe nicht: steil und lang. Im Klartext: am Ende des Tages haben wir achthundert Höhenmeter und einundzwanzig Kilometer bei bestem Wanderwetter und schönster Aussicht bewältigt. Und was für ein Glück: im Örtchen Adrasan direkt an einer Meeresbucht gibt´s nicht nur ein – nein, sogar gleich mehrere kleine Lokale zur Auswahl. Und natürlich lassen wir Nudeln mit Pesto Nudeln mit Pesto sein (die schmecken morgen auch noch) und kehren lieber gepflegt und verdient in einem netten Fisch-Restaurant ein und lassen uns anschließend vom Taxi zurück bringen: nochmal einundzwanzig Kilometer möchten wir nicht laufen. Noch ein Highlight? Das Duschwasser ist tatsächlich „hot“ und über der dachlosen Dusche funkeln Millionen Sterne! 

Je nach Informationsquelle besitzt der lykische Weg zwischen siebzehn und sechsundzwanzig Etappen – vermutlich kommt´s einfach drauf an, wie viele Kilometer am jeweiligen Tag bewältigt werden. Das Angebot wird ganz gut angenommen, wir treffen einige Wanderer, oft mit Isomatte und Zelt auf dem Rücken, und gelagert wird, wo man Lust hat. In den weitläufigen Wäldern und Macchia-Steppen ist genug Platz, Pensionen und kleine Zeltplätze gibt´s ebenfalls hier und da. Jürgen und ich werden immerhin zwei Abschnitte kennenlernen.

Heute folgt der nächste: von Kilici zur antiken Stadt Aperlai. Landschaft: anders als gestern. Keine Wälder, dafür struppige, felsige Buschlandschaft mit rostroter Erde. Und Stern-Agamen in großer Zahl! Ziemlich beeindruckende Stern-Agamen sogar: recht groß, meist dunkelgrau mit dem typischen drachenartigen Kopf und ziemlich aggressivem Revier-Verhalten. Sogar uns versuchen sie mit drohendem Kopf-Wackeln in die Flucht zu schlagen. Was nicht gelingt, sondern Jürgen noch öfter auf den Auslöser der Kamera drücken lässt, so dass die Echsen schließlich doch entnervt das Feld räumen. Und so können auch wir weiter ziehen.

Unter uns blitzt schon das Wasser der Bucht von Aperlai, da stoßen wir auf erste zerfallene Häuser. Vermutlich nicht ganz so alt, wie die der antiken Stadt am Meeresufer unter uns: hier hängen teilweise noch Eisenpfannen an den Wänden und Gegenstände stehen in den Regalen geöffneter Schranktüren. Trotzdem ebenfalls ein Dorf, das irgendwann verlassen wurde. Warum und wieso erfahren wir nicht. Aperlai selbst empfängt uns einige Höhenmeter weiter unten mit riesigen steinernen Sarkophagen und ist noch viel älter. Münzfunde reichen bis ins Jahr fünfhundert vor Christi zurück. Die Hafenstadt war von Mauern und Türmen umgeben und existierte etwa 1300 Jahre lang. Muslimische Eroberungen und Erdbeben zerstörten die Stadt und der südliche Teil versank im tiefblauen Wasser. Wirklich erforscht ist das Ganze nicht und ein findiger Fischer verwendet einen halb im Wasser stehenden Sarkophag, um sein Boot daran festzubinden. Ansonsten ist dies ein unglaublich einsamer Ort: nur zu Fuß oder Boot erreichbar passieren lediglich ein paar Wanderer die Szene, ansonsten nur das leise plätschern des Wassers vor der Kulisse der uralten Mauern, des antiken Friedhofs und der halb versunkenen Hafenanlage. Die Sonne sinkt auch und so nehmen wir denselben Pfad zurück, denn an diesen Ort führt kein Weg, der uns ein Taxi bringen könnte. In der Dämmerung schreit eine ausdauernde Wachtel und am Wegesrand steht ein einsames von innen beleuchtetes Zelt. Zurück am Camper, beim Gesang des fernen Muezzins und unterm Sternenhimmel, gibt es (wer kann´s erraten?) …Nudeln mit Pesto! Gut, dass wir sie gestern nicht schon gegessen haben!

Und wieder: „Where are you guys NOW?“ Schon wieder woanders! Auf der Westseite der lykischen Halbinsel (Jürgen mault, das wäre keine Halbinsel, sondern nur eine normale Ausbuchtung – aber egal, auf jeden Fall eine schöne!), also – auf der Westseite liegt Fethiye, eine lebhafte Hafenstadt mit römisch-hellenischer Vergangenheit und recht beeindruckenden Grabmalen aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Sie sind direkt an einem Stück aus dem senkrechten Fels herausgemeißelt (was das Schleppen der riesigen Steinblöcke überflüssig macht) und natürlich bekam der damalige Herrscher der Lykier, König Amyntas, das größte.

Gleich unterhalb dieser historischen Stätte beginnt das Hafenviertel Fethiyes und so schlendern wir anschließend durch die typischen engen und immer geschäftig wirkenden Gässchen mit dem unvermeidlichen Kabelsalat, an den wir uns inzwischen gewöhnt haben. Am Hafen ist zu erahnen, was in der Saison los ist: etliche Ausflugsschiffe warten auf ihren Einsatz und abenteuerlustige Touristenmassen, doch die Szenerie wirkt eher verschlafen, die Boote bleiben im Hafen und nicht einmal der mit überdimensionalem Totenkopf geschmückte „Jack Sparrow“-Dampfer („Schaumparty! Barbecue!“) läuft aus. Zumindest nicht, während unseres Mittagessens in einem Fisch-Restaurant an der Kay-Mauer und wir lassen uns wirklich Zeit und futtern uns die Speisekarte hinauf und hinunter.

Vier Stunden Autofahrt Richtung Pamukkale stehen anschließend an und hier haben wir noch einmal genügend Zeit, das nie langweilig werdende Treiben auf türkischen Straßen zu genießen. Absoluter Renner? Ein dreirädriger Elektro-Roller, wahlweise mit Doppelsitzbank hinten oder kleiner Pritsche. Was davon im Einsatz ist, ist eigentlich unerheblich, denn bei beiden Varianten kann hinten von Oma und Enkelschar bis hin zu Baumschnitt, Einkäufen, Kürbisse, Melonen, Heuernte, Farbeimer, Garten- und Heimwerkergeräten buchstäblich ALLES transportiert werden. Gerne auch in wilder Mischung. Wer nur einen klassischen Roller sein Eigen nennt, stellt Material oder Kind-mit-Handy-in-der-Hand einfach zwischen seine Knie. Und immer werden wir begeistert begrüßt, an jeder Ampel werden die Scheiben heruntergefahren („Merhaba!“), auf den Dorfstraßen wird begeistert gewunken und nicht selten werden uns ein paar frisch geerntete Äpfel oder Nüsse hereingereicht. In Incirköy steht die in jedem Dörfchen vorhandene Moschee mitten auf der Straße, dank eines Torbogens kann aber bequem darunter durch gefahren werden. Was die üblichen Cay trinkenden und Backgammon spielenden Männer an ihren Tischchen am Straßenrand interessiert verfolgen. Passt er durch oder nicht? Er passt!

Und kurz darauf macht er noch einen Abstecher zum Salda Gölü, einem weiteren Soda-See am Wegesrand. Nicht ganz so salzig und nicht ganz so seifig wie der Van-See, dafür der tiefste seiner Art – zumindest in der Türkei. Satte 180 Meter misst er an seiner tiefsten Stelle. Und weist einen ungewöhnlich hohen Magnesium-Gehalt auf, was ihm seine türkise Farbe und seine schneeweißen Strände verleiht. Doch schon geht die Sonne unter und sorgt für noch mehr wunderschöne Aussichten.

Bei Pamukkale, eine Stunde später („where are you guys now jetzt schon wieder???“) ist es dann natürlich stockdunkel. Nicht schlimm, denn die weißen Kalkterrassen sind mit allerlei bunten Lichtern illuminiert und wirken wie eine Skipiste. Auf einem Hügel direkt gegenüber haben wir das Ganze bestens im Blick.

Das eigentliche Highlight jedoch findet gleich am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe statt. Ein bekanntes Rauschen und Brausen überhaupt nicht weit von unserer tapferen „13“ entfernt – ganz genau! Auch hier versucht man, Touristen mit schwebenden Heißluftballons zu locken, ganz wie dazumal in Kappadokien! Nicht ganz so viele, nur etwa zwanzig Stück und natürlich erstreckt sich hier keine Feenkamin- und Tuffsteinlandschaft über Dutzende Quadratkilometer, aber doch immerhin ein grandioser Sonnenaufgang vor im Dunst auftauchenden Hügelketten und die weiße, fluffig wirkende Landschaft Pamukkales mit ihren Travertin-Terrassen. Und ich freue mich, noch einmal eine „Bunte-Ballons-im-Morgenlicht“-Show zu sehen – davon kann man nie genug bekommen!

Beim Frühstück dann die Frage aller Fragen: lohnt sich Pamukkale wirklich? Immerhin: dreißig Euro Eintritt pro Person werden verlangt, was für die Türkei immens viel ist! Und – hören wir – die schneeweißen Terrassen mit ihren überirdisch türkisfarbenen Pools sind längst nicht mehr, was sie waren. Oder wie sie immer noch im Internet dargestellt werden. Tatsächlich sind die meisten Becken längst ausgetrocknet. Schuld daran sind verschiedene Faktoren: zum Einen entnahmen (und entnehmen immer noch) Hotels und Pools das aus der Erde austretende Thermalwasser, zum anderen schwächt der Klimawandel und sinkende Grundwasserspiegel die Quellen. Durch weniger Wasser weniger Kalkneubildung, was zu Vergrauung und Veralgung des weißen Kalkgesteins führt. Inzwischen wird versucht, durch künstliche Wasserregulierung entgegenzuwirken, was die natürliche Dynamik aber nicht ersetzen kann. Zusätzlich wurden wohl neue Becken aus dem Gestein gemeißelt, welche für Besucher zugänglich sind, damit die ursprünglichen Bereiche geschont werden, der Tourismus aber trotzdem bedient werden kann. Alles in Allem: nicht unbedingt ein großer Anreiz, ebenfalls dort aufzulaufen. Andererseits: wenn man sozusagen direkt vor Pamukkales Tür steht und dann nicht hineingeht -auch irgendwie doof! Die Entscheidung fällt schließlich für Pamukkale und (nachdem wir sechzig Euro weniger im Geldbeutel haben) bin ich ziemlich überrascht, was uns dort noch so alles erwartet! Denn hier gibt´s nicht nur die Kalkfelsen, hier befindet sich auch das antike griechisch-römische Hierapolis, das im zweiten und dritten Jahrhundert seine Hochzeit hatte, Und obwohl weder Jürgen noch ich wirklich passionierte „Alte-Steine-Gucker“ sind: dies ist doch ein besonderer und magischer Ort. Das Schönste ein beeindruckend restauriertes riesengroßes Amphi-Theater mit steilen Sitzreihen, Arena und Tribüne für die Honorationen Hierapolis´. So authentisch, dass man nahezu darauf warten, gleich die Gladiatoren aus den Katakomben marschieren zu sehen. Tatsächlich ist das weitläufige Gelände der ehemaligen, sicher überhaupt nicht kleinen Stadt, mit seinen Säulenresten und Steinbögen, mit den Überresten der Saint Philips Church und des Badehauses die eigentliche Attraktion. Stern-Agamen, die wie kleine Drachen in beinahe surrealer Geschwindigkeit an den antiken Steinsäulen emporhuschen, uns aus der Ferne misstrauisch beobachten, um dann auf Nimmerwiedersehen in einem Spalt zu verschwinden tragen zur mythischen Stimmung bei. Wie sich jeder denken kann, sind sie Jürgens Highlight des Tages.

Und ja – natürlich muss man die Kalksteinterrassen auch gesehen haben. Hier trifft sich alles, was Eintritt bezahlt hat und mit einem Reisebus herbeigefahren werden kann. Im linken Teil die erwähnten künstlichen Becken, rechts, abgesperrt, die echten Travertinen zur Besichtigung. „Baumwollburg“ heißt Pamukkale übersetzt und von hier aus ist diese Benennung durchaus nachvollziehbar, so plüschig und fluffig wirken die skurrilen Kalkablagerungen. In einigen wenigen Becken, ganz am Fuße der „Burg“ leuchtet dann auch wirklich das berühmte, türkisfarbene Wasser. Aber wer sich mit uns an Hakkari erinnert: lange nicht so schön und einsam wie dort. An Einsamkeit ist im begehbaren Teil Pamukkales ohnehin nicht zu denken. Hier ist die Hölle los! Es wird geplanscht und fotografiert, in den künstlich erschaffenen Bewässerungsrinnen sitzen nicht nur Kinder, sondern auch eine Menge mittelalter, bestens aufgelegter Damen in Badeanzügen. Jeder, der sich über die ziemlich glitschigen Kalkstufen traut, ist barfuß unterwegs. Und – vermutlich der neueste Tiktok und Instagram-Trend -  man reibt sich von Kopf bis Fuß mit dem weißen, kalkigen Schlick vom Grund der Becken ein und posiert so vor den weißen Stufen. Jürgen und ich machen natürlich ebenfalls Fotos – allerdings ganz altbacken ohne den weißen Schnodder. Fazit? In Verbindung mit Hieropolis (in dem man sich auf jeden Fall einen halben Tag beschäftigen kann) einen Ausflug wert, wenn man ohnehin in der Nähe ist. Auch das Touristen-Gucken finde ich immer spannend. Ob man extra herfahren muss? Fraglich. Allerdings – nicht zu vergessen – es gibt ja auch das Ballonspektakel am Morgen. Und DAS ist immer eine Reise wert! 

Zwei Dörfer weiter normalisiert sich die Lage wieder: in einer winzigen Patisserie werden wir von einem alten Männlein bedient. Und hier bekommen wir vier Kugeln selbst gemachtes Eis und eine Box frischer Kekse für sagenhafte einhundert Lira, umgerechnet weniger als drei Euro. Und sie sind so lecker, dass man fast schon ein schlechtes Gewissen bekommt, so wenig dafür bezahlt zu haben. Aber immerhin ist der Pamukkale-Besuch damit wieder ausgeglichen! Und wieder: „Where ARE you guys now?“ Wenn wir das nur selbst so genau wüssten. Auf jeden Fall auf dem Weg zur türkisch-griechischen Grenze. Unser Nachtlager befindet sich auf dem Murat Dagi, also auf Murats Berg. Welcher Murat? Auf unserer Reise haben wir mit einigen Murats Cay getrunken, aber vermutlich war keiner davon der Besitzer dieses Berges. Ein sehr hübscher und friedlicher Platz übrigens unter duftenden Kiefern und mit Blick über die hügeligen Ebenen. Am Straßenrand kauften wir von einem alten Weiblein eine riesige Tüte sonnengetrockneter Tomaten und brutzeln uns daraus, aufgepeppt mit Pilzen und Karotten (und einem großen Schluck Bier, den Jürgen nur unter Protest freigibt) eine fabelhafte, würzige Nudelpfanne.

Und wechseln am nächsten Tag schon wieder den Platz. Plan: so nah wie möglich an die Grenze heranschleichen, denn niemand weiß, wie lange die Übertrittsprozedur dauern wird und wie schnell in Griechenland ein geeigneter Schlafplatz gefunden wird. Denn: Wildcamping in Griechenland ist seit diesem Jahr eine schwierige Geschichte, wie viele wissen. Es wird hart durchgegriffen, die Einheimischen haben (vermutlich zu Recht) genug von Camping-Chaos an jeder Ecke. Hier wurde übertrieben! Heißt für uns: mal schauen, ob´s im Oktober noch geöffnete Campingplätze gibt… Doch zurück zum heutigen Tag: ein Fahrtag also und wir haben viel Gelegenheit, noch einmal das türkische Straßenleben zu genießen. Eine weitere Besonderheit: man schleicht gerne die Landstraßen entlang. Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem man überholt wird. Sofort erwacht der Ehrgeiz und das türkische Ehrgefühl und es wird (oft freundlich grüßend) rück-überholt. Woran Jürgen das erinnert? An eine Geschichte über die georgische Königin Tamar. Oder besser König Tamar, denn zu ihrer Zeit um das zwölfte Jahrhundert herum, waren Frauen in dieser Position nicht vorgesehen. Trotzdem ist die Zeit ihrer Herrschaft als ein „goldenes Zeitalter“ in die Geschichte eingegangen und bis heute ist sie  - zusammen mit der heiligen Nino - Georgiens Volksheldin Nummer eins. Ein persischer Herrscher machte ihr eines Tages ein Angebot: sie könne zum Islam konvertieren und seine Frau werden oder ihren Glauben behalten und als Konkubine in seinen Harem kommen. Tamar gefielen beide Angebote nicht und als der persische Herrscher kurze Zeit später versuchte, ihr Reich mit Gewalt zu übernehmen, schlug sie sein viel größeres Heer mit ihren Soldaten. In Folge dieses Ereignisses verstarb der Herrscher, laut Überlieferung, an Demütigung. Welchen Bogen Jürgen hier spannt? Ob es türkischen Autofahrern wohl ebenso ergeht, wenn sie von ausländischen Campingmobilen überholt werden? Wir wissen es nicht. Was wir aber feststellen: auch im westlichen Teil der asiatischen Türkei zieht der Herbst ein. Zwischen den allgegenwärtigen Kiefern in der Region rund um Balikesir färben sich die Laubbäume gold und rot, werden auf den Feldern gelbe, kugelrunde Kürbisse und auf den Ebenen die Weintrauben geerntet. Und überall brennt und qualmt es. Sind es im Sommer die allgegenwärtigen Grillfeuer, wird im Herbst auf den Feldern alles verbrannt, was nach der Ernte nicht mehr benötigt wird: Äste, Kürbisranken, Laub. Nicht immer riecht es nach purer Natur, was da so vor sich hin qualmt.

Wir biegen schnell zum Kus Gölü ab, einem Vogelschutzgebiet in der Nähe des Marmarameers. Schließlich kann man nicht den ganzen Tag im Auto sitzen! Und hier sehen wir die größte Population an Pelikanen und Flamingos, die wir je gesehen haben! Zwar nur von Weitem von einem Beobachtungsturm und durchs Fernglas, aber – was für ein Gewusel! Anscheinend wird hier bestens darauf geachtet, dass die Tiere wirklich ihre Ruhe haben. 

And „where are you guys NOW?“ Tja, ganz am Ende des Tages lassen wir uns auf einem kleinen Campingplatz am Marmara-Meer nieder. Unsere letzte Nacht in der Türkei, ein letztes Mal singt der Muezzin und es fühlt sich an, als sänge er nur für uns. Was er natürlich nicht tut. Was wir hören, ist der Ruf zum Nachtgebet und ganz genau am Lauf der Sonne ausgerichtet, gibt es für jeden Ort einen strikten Plan, um welche Uhrzeit zum Morgen-, Mittags-, Nachmittags, Abend- und Nachtgebet gerufen wird. Auf den Minaretten sitzt in der Regel niemand, normalerweise befindet sich der Muezzin (der übrigens vom staatlichen Religionsamt Diyanet angestellt ist) in einer Gebetsstube oder einem Nebengebäude der Moschee, sein Ruf wird live auf die Lautsprecher am Minarett übertragen. Und was wird eigentlich gesungen? Überall das Gleiche, nämlich den Ezan, einen islamischen Gebetsruf auf Arabisch, der die Gläubigen zum Gebet ruft. Wie er die Worte interpretiert, ist Sache des einzelnen Muezzins. Der Text wiederholt sich zu jeder Tageszeit, mit Ausnahme des Morgengebets. Hier wird am Anfang die Zeile hinzugefügt: „Das Gebet ist besser als der Schlaf.“ Wir werden morgen früh auf die Variante achten, denn immerhin wird es wohl der letzte Ruf des Muezzins sein, den wir auf unserer Reise hören werden. Ich werde ihn vermissen! 

Und plötzlich befinden sich die „guys“ geradewegs auf dem Weg zur Grenze, auf dem Weg nach Europa! Immerhin macht es uns die Türkei ein wenig leichter, uns von ihr zu verabschieden. Die Dusche am Campingplatz ist eiskalt, es regnet; im grauen, nieseligen Morgenlicht leuchten die herbstlichen Bäume nicht ganz so bunt und das Marmarameer zu unserer Linken ist grau wie Stahl.

In der Ferne tauchen auch schon die knallroten Stelen der Canakkale Köprüsü, der südlichsten Brücke nach Europa auf, die den westlichen Arm des Marmara-Meers überspannt. Auch hier möchte man gerne ein Superlativ sehen: gemessen an ihrer Spannweite von 2023 Metern ist sie angeblich die längste Hängebrücke der Welt. Beeindruckend auf jeden Fall und ein  bisschen feierlich (und mit Abschiedsschmerz verbunden) ist der Wechsel vom asiatischen auf den europäischen Kontinent mit Sicherheit: unter dramatischen grauen Wolken kehren wir nach dreieinhalb Monaten zurück in die „Heimat“.

Und gönnen uns auf diesen Schreck ein opulentes Frühstück im Grenzstädtchen Ipsala. Und hier verlassen wir die Türkei endgültig, reisen wieder (erstaunlich schnell und ohne Heckmeck) in die EU ein, bezahlen am Grenzübergang gleich noch einen ausstehenden Strafzettel (entspanntes System – kein Gerenne und Verzweifeln an Geldautomaten mit unleserlichen Schriftzeichen) mit Euro!!! Seit Monaten hatten wir keine mehr in der Hand, seit Monaten wird bei jedem Einkauf gerechnet und über günstige Preise gestaunt. All das hat ein Ende! Wir sind in Griechenland – hellas! Am Straßenrand kann Müll getrennt entsorgt werden und in einem Dörfchen läuten Kirchenglocken. Noch längst nicht zu Hause und trotzdem schon ein vertrautes Gefühl. Ein lachendes und ein weinendes Auge also. Was bleibt hinter uns zurück? Landschaften, die ihresgleichen suchen. Neugierige, offene Menschen. Zahllose Cay-Einladungen an jeder Ecke. Gastfreundschaft, die ihresgleichen sucht. Geschenkte Äpfel, Nüsse, Fische – was immer eben gerade zur Hand ist. Und nie wird ein Dank angenommen – Hand auf´s Herz: es ist mir eine Ehre! Singende Muezzine. Straßenchaos und ein herrlicher Pragmatismus in allen Lebenslagen: wenn´s funktioniert ist es richtig. Nie wurden wir so freundlich, vorbehaltlos und offen gegrüßt – wieder und wieder. Das Strahlen in den Gesichtern, wenn wir auch nur drei türkische Worte sprechen konnten… wahrscheinlich könnte diese Liste ewig fortgeführt werden. Hier verlassen zwei riesige Fans das Land und eines ist gewiss: wir kommen wieder! 

„Where are you guys now?“ Nachdem wir den Vistonida-See und das Nestosdelta mit all den beeindruckenden Flamingos und Pelikanen passiert haben und natürlich keinen geöffneten Campingplatz mehr finden konnten (die Saison ist überall vorbei), nachdem wir uns natürlich nicht an gut einsehbaren Plätzen direkt am Meer aufgestellt haben (Ihr wisst ja, das strikte Wildcamping-Verbot) kurven wir hinauf in die Berge oberhalb des Nestos. Nebel wabert, der Wind pfeift, die Temperaturen stürzen in einstellige Bereiche: hier haben wir keine Bedenken, zu übernachten. Reißen die grauen Schwaden mal auf, haben wir einen spektakulären Blick auf´s Tal und die Windungen des Nestos unter uns. Es ist jedoch so ungemütlich, dass wir davon absehen, Tisch und Stuhl in den beißenden Wind zu stellen, sondern flugs die Essecke im Camper aufbauen, die kuschelige Heizung anstellen und dick vermummt im Windschatten  kochen. Im Warmen schmeckt´s noch mal so gut! Und – um Jess´Frage abschließend zu beantworten („wo seid Ihr jetzt?“): zurück in Europa!

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Kommentare: 1
  • #1

    Margot. Wildermuth (Donnerstag, 23 Oktober 2025 11:46)

    Ihr seid zu bewundern für soviel Mut und Entschlossenheit Lanfschaften, Leute, Tiere und Pflanzen zu beobachten, Stimmungen zu genießen und festzuhalten. Ein riesengroßes Lob und unermessliche Respekt für das gesamte Unternehmen. Chapeau Danke, nochmals, dass ich dabei sein durfte.

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