Wer unseren Blog 2019 (die dreimonatige Reise über den Balkan nach Georgien und zurück) gelesen hat, kennt vielleicht einen der letzten Einträge namens „A wie a bissle Albanien“. Dieser Titel resultierte eigentlich aus reiner Ideenlosigkeit: mir fiel nichts ein und Jürgen quatschte einfach irgendwas daher. Dies war damals unser erster Albanien-Besuch und unerwarteterweise verfolgt uns „a bissle Albanien“ seither wie ein Kaugummi, der an der Schuhsohle klebt. Uns gefällt Albanien und wir wissen, dass es eine große Menge besonderer und wunderschöner Orte gibt, die besucht werden könnten. Trotzdem kommen wir über „a bissle“ einfach nicht hinaus. 2019 zum Beispiel. Ende November waren wir auf der Heimreise unserer ersten Tour und (es wird jedem bekannt vorkommen) hatten uns ziemlich vertrödelt. Zuerst in Georgien und anschließend, völlig ungeplant, im herbstfarbenprächtigen und uns damals noch vollkommen unbekannten Epirus. Die Folge davon war wenig überraschend: keine Zeit mehr für Albanien. Wir nahmen ein wenig Meer in Himare und die sagenhafte Gjipe Beach mit. Und fertig. Nicht schlimm, sagten wir uns, so unfassbar weit weg ist Albanien ja nicht, wir können ein anderes Mal wiederkommen! Was wir auch taten. Das zweite Mal quetschten wir 2023 zwei Tage zwischen Familienurlaub in Kroatien und Paddelurlaub in Griechenland. Hier badeten wir in den heißen Thermalquellen von Benjes uns besichtigten die dazugehörende Schlucht. Im Frühling 2025 sollte dann aber endlich Albaniens Zeit gekommen sein! Sieben Monate Auszeit standen und bekanntlich bevor und gleich einer der ersten großen Stopps war hier eingeplant! Wandern in den einsamen Berggegenden! Paddeln auf den glasklaren Bächen! Naturwunder bestaunen! Und das ein oder andere Städtchen sollte ebenfalls besichtigt werden. Immerhin: die Grenze konnte gerade noch überquert werden, der Rest ist Geschichte. Die Software, der Rußpartikelfilter, der Abschleppwagen, Auto Star Albania in Tirana und das Top Team, das uns rettete. Aber schlussendlich eben doch keine Garantie für hochgelegene Gebirgsregionen im fernen Georgien aussprechen wollte. Die Fähre von Durres nach Ancona, zurück in Deutschland und – Neustart! Allerdings nicht noch einmal über Albanien, sondern entlang der Ungarn-Rumänien-Route. Was – wie wir beide finden – im Nachhinein einer der großen Treffer unserer Reise war. Denn – seien wir realistisch – vermutlich hätten wir Rumänien auf dem Rückweg nicht mehr besucht! So hatten wir dort sieben fantastische Wochen mit dem Gefühl zeitlicher Unendlichkeit! Was für ein Geschenk! Und tatsächlich hatten wir ja während der Wartezeit im April auf unsere tapfere „13“ genügend Zeit, Tirana zu erforschen. Auf dem Rückweg wird sicher noch jede Menge Zeit übrig sein. Dachten wir naiv. Nun – sechseinhalb Monate später – schleicht sich allerdings ein starkes Deja Vu-Gefühl ein. Mehr als „a bissle Albanien“ wird´s auch diesmal nicht werden. Aber vielleicht soll das einfach so sein? Vielleicht ist die albanisch-deutsche Beziehung in unserem Fall eben eine sich immer wiederholende Kurzzeit-Geschichte? Einfach nicht in Frage stellen, sondern genießen, soll das neue Motto sein. Und das tun wir! Der erste Vormittag im „Hippie Camping“ ist schnell um.
Lauter nette Deutsche in Wohnmobilen und Campingbussen. Seit Monaten nur vereinzelt angetroffen sind sie nun plötzlich alle wieder da. Und jeder hat viel zu erzählen. Irgendwann reißen wir uns los, schließlich möchten wir ja unser bissle Albanien in Angriff nehmen. Und zwar in Form des Osum-Canyons. Bevor wir uns jedoch dorthin auf den Weg machen, decken wir uns in Permet an einem der zahllosen herrlichen Obst- und Gemüsestände ein. Jürgen kramt noch schnell den Beutel mit unseren verschiedenen übriggebliebenen Währungen in Plastiktütchen hervor (bis zum letzten Cent/ Lari/ Lira/ Lei oder was auch immer kriegen wir sie selten los), drückt mir den passenden in die Hand und gibt schon mal die Route ins Navi ein, während ich einkaufe. Wer Jürgen kennt, weiß, dass Namen-erinnern nicht seine große Stärke ist. Auch mir ist diese Tatsache bekannt, trotzdem kontrolliere ich nicht extra. Erst als der Gemüsehändler ratlos die von mir dargebotenen Geldschein in der Hand hin und her wendet, kommt mir ein Verdacht. Ich schaue mir das Tütchen näher an: „Armenien“ steht drauf und wie zur Bestätigung verkündet der Verkäufer „No Albania!“ Er hat Recht und natürlich kann man Jürgen überhaupt nicht vorwerfen, zwei so ähnliche Worte verwechselt zu haben. Ein bisschen mit den Augen rollen ist aber auf jeden Fall erlaubt! Eine weitere Fehleinschätzung ereilt uns kurz darauf: der Weg zum Osum Canyon ist zwar kilometertechnisch ein Klacks, die Straße jedoch so grottenschlecht, dass knappe fünf Stunden dafür veranschlagt werden. Und unsere tapfere „13“ wahrscheinlich ziemlich an die Grenze bringen werden, die Berichte im Internet klingen nicht gut. Selbst nach unserem Vashlovani-Abenteuer bekommen wir hier Bedenken. Die Alternativroute? Diskutieren wir erst gar nicht, denn sie sprengt den zeitlichen Rahmen in jeder Hinsicht. Unter uns blitzt jedoch türkisgrün die Vjosa, die nur in Albanien so heißt. Auf der anderen Seite der Grenze, in Griechenland, wo sie herkommt, nennt sie sich Aoos und wurde dort zumindest von Jürgen schon einmal gepaddelt. Und da wir immer schnell im Pläne-umschmeißen sind und die Sonne lacht, entschließen wir uns für die sichere Bank: heute wird hier die Vjosa gepaddelt! Den Osum Canyon? Paddeln wir ein andermal, schließlich brauchen wir einen Grund, um wiederzukommen! Die Campingplatz-Besitzerin staunt nicht schlecht, als wir kurz darauf wieder auf ihren Platz rollen.
Hat sie doch frühestens nächstes Jahr wieder mit uns gerechnet und ist ein weiteres Mal ehrlich ergriffen, dass wir uns immer wieder für ihre Lokation entscheiden. Schnell ist sie in unseren neuen Plan eingeweiht und schon sind wir auf dem Weg zum Einstieg. Was gibt´s über die Vjosa zu sagen? Auf diesem Abschnitt ein absoluter Genuss! Das Wasser fließt türkisgrün zwischen ausgewaschenen Schluchtwänden, weiße, skurril geformte Felsen ragen aus den Fluten und generieren hübsche Kehrwasserstellen, lange Wellenzüge sorgen für spritzigen Paddelspaß. Die Kernstelle darf Jürgen allein fahren, erinnert (für die, die es kennen) stark an die Constructa auf der Unteren Ötz. Nur flacher mit größerer Gefahr für Stein-Kontakt im Falle eines Schwimmers. Kenne ich schon, will ich nicht mehr. Auf der Kiesbank lässt sich das Ganze jedoch problemlos umtragen und weiter geht´s! Hätte gerne länger sein dürfen – aber da wir ja wiederkommen, wird dies nicht die letzte Fahrt gewesen sein.
Thomas aus Hamburg, der direkt neben und campt, freut sich über einen weiteren netten Abend mit uns – und wir uns natürlich auch auf einen mit ihm. Doch so nett es auch ist, am nächsten Morgen geht´s endgültig weiter: noch „a bissle Albanien“ in Form eines Besuchs in Berat.
Plötzlich liegen übrigens wieder überall Campingplätze mit wie selbstverständlich heißen Duschen am Wegesrand – und sogar mit Waschmaschinen. Die wir zwar diesmal nicht benutzen, trotzdem sorgt allein die Tatsache, dass sie benutzt werden KÖNNTE und die Aussicht auf heißes Wasser, so viel man möchte, für ein Gefühl von nahezu dekadentem Luxus! Auf dem von uns ausgesuchten Platz campt eine Niederländerin mit zwei großen Jagdhunden neben uns und bietet mir sofort ihr Fahrrad an, damit wir schneller (und ohne Taxi) ins nicht allzu weite Berat kommen können. Super nett, vielen Dank! Denn bekanntermaßen hat es aus gewichtstechnischen Gründen nur ein Fahrrad auf´s nur ein bisschen überladene Auto geschafft. Von allen aussortierten Dingen fehlt es tatsächlich am meisten. Was bisher nicht vermisst wurde (aber das gebe ich nicht so gerne zu) ist der heiß diskutierte Sandwichmaker für´s Lagerfeuer. Und so wechseln wir zügig das Thema und begeben uns radelnderweise nach Berat, das auch „die Stadt der tausend Fenster“ genannt wird. Was allerdings, wie uns die „Hippie-Tante“ berichtete, eigentlich ein Übersetzungsfehler ist. Die Stadt hat nicht „tausend Fenster“, sondern Fenster, die alle gleich aussehen und übereinander gestapelt sind. Und tatsächlich trifft alles zu. Malerisch kleben die weiß gekalkten Häuschen an der Bergwand unterhalb einer historischen Festung und rechts und links des Flusses Osum und erwecken mit ihren vielen gleichförmigen Sprossenfenstern wirklich den Eindruck, beobachtet zu werden. Berat ist übrigens seit 2008 UNESCO-Weltkulturerbe und steht unter besonderem Schutz, was unter anderem bedeutet, dass in den historischen Stadtteilen Neubauten verboten sind. Sie gilt zudem als Beispiel für den Erhalt einer ottomanischen Stadt und für Koexistenz verschiedener Kulturen. Wie als Zeichen dafür sind schon von Weitem verschiedene Moscheen und Kirchen zu erkennen. Ein wenig später, als wir durch die steilen, verwinkelten Gässchen klettern rufen von den verschiedenen Minaretten die Muezzine, kurz darauf beginnen die Kirchenglocken zu läuten. Alles zusammen hallt als Klangteppich weit über die Stadt. Ein echter Gänsehaut-Moment! Wenn es doch immer so einfach wäre! Ebenfalls sehr erhaben ist ein Blick von Kalaja e Beratit, der Burg Berat, die als eine der größten Burgen Albaniens gilt. Hoch thront sie auf ihrem Hügel und unter der wehenden albanischen Flagge gibt´s fantastische Ausblicke über die Stadt mit ihren dicht beieinander stehenden in die Hügel gebauten Häuschen, über den sich windenden Osum und über eine breite Flaniermeile, die vom historischen in den neuen Teil hinüberführt. Mit Riesenrad und Weihnachtsbaum?!?
Das muss später näher erforscht werden. Zuerst jedoch entdecken wir in den kopfsteingepflasterten Gässchen „The first wine window in Albania“, vor dem sich etliche bestens gelaunte Touristen aller Nationalitäten versammelt haben, um sich via Glocke ein Glas Wein auf die Straße hinauszubeordern.
Hübsche Idee, nur mit Wein ist Jürgen jedoch nicht zufriedenzustellen und so entern wir das dazugehörende Restaurant. Und landen mal wieder einen Treffer. Kleine Tischchen in einem winzigen Stübchen mit Blick direkt auf die beleuchtete Fußgängerbrücke über dem Osum. Und auf unsere abgeschlossenen Fahrräder, was Jürgen besonders erfreut und beruhigt. Das Essen ist traditionell und lecker und kurz nach uns kommt ein österreichisch-indisches Paar ins Restaurant, mit dem wir einen sehr lustigen und spontanen Abend verleben. Und zur späteren Stunde das „Geheimnis des Weihnachtsbaums“ lüften. Denn tatsächlich sind die Albaner im Allgemeinen oder vielleicht auch nur die Einwohner von Berat im Besonderen sehr früh mit ihren Vorbereitungen am Start. Was in Deutschland die Lebkuchen im September, ist hier augenscheinlich ein Weihnachtsmarkt im Oktober. Buden, Karussell, Riesenrad und künstlicher Weihnachtsbaum – alles ist bereit. Für eine Fahrt im Riesenrad sind wir für heute allerdings leider zu spät dran und so verabschieden wir uns, genießen noch einen letzten Blick auf die nun beleuchteten tausend Fenster und radeln durch die stockdunkle Nacht zurück zur tapferen „13“.
Und damit ist „a bissle Albanien“ auch schon fast wieder zu Ende. Über breite Straßen mit den gewohnten blitzsauberen Mercedes’ fressen wir Kilometer Richtung montenegrinische Grenze. Am Wegesrand ein großer Spar-Markt, nach all den kleinen und winzigen Lädchen und Ständchen mal wieder was anderes. Und was soll ich sagen? Kann man Freudentänze wegen ein paar Tütchen geriebenem Parmesan aufführen? Ja, kann man! Auch wenn der Parmesanmangel auf Grund viel schönerer Erlebnisse bisher überhaupt nicht auffiel: plötzlich wird klar – irgendwo kurz vor der türkischen Grenze gab´s anscheinend nur noch Nudeln „ohne“. Käse-Variationen oder Schnickschnack auf Spaghetti? Ab hier schmeckten alle Käsesorten gleich. Zumindest für verwöhnte West-Europäer. Und wer sich an Kackar erinnert, der weiß: Käseherstellung ist kein Kinderspiel! Und was werden wir zu Hause dafür vermissen? Viel! Unter anderem auf jeden Fall die fantastischen Obst- und Gemüsestände an allen Straßenrändern. Was hier angeboten wird ist ebenfalls weder Schnickschnack noch Luxus, sondern einfach das, was eben gerade so in der Region geerntet wird. Angeboten meist von älteren, freundlichen Herrschaften. Zur Zeit ist Mandarinen- und Granatapfelsaison. Und weil diese Früchte (und alles, was wir bisher an solchen Büdchen kauften) immer unglaublich lecker schmecken, decken wir uns noch einmal ordentlich ein. Viereinhalb Kilo Obst für vier Euro! Man kann es kaum glauben.
Vor allem, wenn man bedenkt, dass Benzin im Gegensatz zu Lebensmitteln fast so viel kostet wie in Deutschland. Und ich frage mich ein weiteres Mal, wie es zu all den teuren und spritfressenden Autos in Albanien kommt.
Wir passieren Tirana und fragen uns, ob Blendi Palushi, unser Autostar-Albania-Held wohl heute bei der Arbeit ist. Wir würden uns gerne noch einmal persönlich bei ihm bedanken. Denn auch, wenn er immer wieder betont, er hätte nur „seinen Job“ gemacht, ist es für uns so, als hätte er (zusammen mit seinem Team) unsere Reise erst wieder möglich gemacht. In diesen Tagen schien alles am seidenen Faden zu hängen und wir würden ihm gerne zeigen, wie gesund, munter, glücklich und erfolgreich wir die letzten sechseinhalb Monate verbringen konnten. Obwohl er es natürlich weiß, schließlich folgt auch er unserer Reise! Und so beschließen wir, einfach beim „Autostar“ vorbeizufahren und sind ein bisschen enttäuscht, als unser Held mit dem lustigen Namen heute nicht anwesend ist. Trotzdem schießen wir natürlich ein Foto für ihn. Und für uns: denn hier schließt sich der Kreis! Tirana -Tirana hieß die Route und ab hier geht´s zwar nicht auf dem exakt gleichen Weg, jedoch in die gleiche Richtung zurück. Keine Kringel mehr – dies ist der Heimweg!
Und könnten wir die Zeitachse genügend biegen würden wir uns selbst begegnen. Schwups – und das war´s für dieses Mal mit „a bissle Albanien“, schwups - befinden wir uns in Montenegro! Und obwohl wir vor größeren Grenzübertritts-Katastrophen verschont blieben (von anderen Reisenden hörten wir nervenzerfetzende Geschichten), erscheinen die Grenz-Formalitäten innerhalb Europas nahezu lächerlich unkompliziert. Wir wählen den westlichen Weg mit seinen herrlichen Ausblicken am Skadarsko Jezero entlang und werfen sehnsüchtige Blicke ans östliche Ufer: dort befanden wir uns am Anfang unserer Reise. Und dort ging das Auto kaputt. Lichtjahre entfernt das Ganze! Und doch unvergesslich! Ein bisschen feiern wir uns in einem kleinen Lokal am Straßenrand mit Fisch direkt aus dem See und der unvergleichlich leckeren Knoblauchsoße, die typisch ist für Montenegro und Kroatien. Und die schmeckt so vertraut, dass wir uns fast wie zu Hause fühlen!


































































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